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Redbox Film - Kritik


10.05.20
Im Lederwams gegen das Böse – „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“
Von: Thomas Blum
Nicht nur Lebkuchenduft in den Supermärkten und wachsende  Spannungen in der Familie deuten darauf hin, dass es auf Weihnachten  zugeht. Zuverlässig kommt auch kurz vor dem Fest der neue „Star  Wars“-Film in die Kinos. Und wie immer hat man an alles gedacht: die  volle Ladung Pyrotechnik, nicht enden wollende  Raumschiffverfolgungsjagden, die standardisierte donnernde  Fanfarenmusik. Alles da, wie immer.
Die altbewährte Space Opera geht mit ihrem neuesten Teil, dem  neunten, „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“, ins Finale, und alle sind  sie natürlich wieder mit von der Partie (schnarch): der grunzende  Zottelbär, der schlechte Witze machende goldglänzende Blechroboter, die  niedlich fiependen Blechdosenroboter in Mülleimer-Optik und die  Mittelalterkostüme und alberne Umhänge tragenden menschlichen  Lichtschwertfuchtler. Überhaupt, das Lichtschwert: eine Art brummende  Neonröhre mit Metallgriff, mit der gefochten wird. Wessen Idee das auch  immer gewesen sein mag.

Das Beste an der US-amerikanischen  Science-Fiction-Fantasy-Märchenfilmserie ist: Man muss nicht alle Teile  der „größten Saga der Populärkultur“ („Tagesspiegel“) gesehen haben, um  eine grobe Ahnung von der, na ja, Handlung zu bekommen. Man kann  praktisch immer einsteigen, bei jedem beliebigen der insgesamt neun  Filme.

Es  ist so: Die Guten, tendenziell pathetischen Käse quatschende  Hippiefiguren, die meist weiße oder braune Leibchen und Lederwämser  tragen, wehren sich gegen die Bösen, die angestrengt niederträchtig  gucken und mit schwarzen langen Mänteln und Naziuniformen bekleidet  sind. Dunkle Seite gegen helle Seite, „Jedi-Orden“ gegen  „Sith-Imperium“.

Wie immer geht es um die Familie, die Tradition, irgendeinen  altehrwürdigen Mythos und offene Abstammungsfragen (Wer ist mit wem wie  verwandt? Wer sind wessen Eltern?), aber auch darum, dem familiär  vorbestimmten Schicksal zu entkommen und unabhängig von diesem einem  eigenen, selbst gewählten individuellen Lebensentwurf zu folgen. Und es  geht um die Solidarität der vielen (eine Art diverse, multikulturelle,  liberale Rebellencommunity) gegen das bitterböse Imperium, eine Art  galaxisumspannendes Schweinesystem, das wiederum nicht nur aus den  erwähnten schwarzuniformierten Superfieslingen besteht, sondern auch aus  Heerscharen von gesichtslosen Soldaten in weißen Plastikrüstungen  („Stormtroopers“). Wozu allerdings die weißen Plastikrüstungen dienen  (sieht man einmal von ihrer formschönen 70er-Jahre-Pop-Art-Optik ab),  ist nicht ganz ersichtlich: Werden die Soldaten, die in aller Regel  entindividualisierte stumpfe Befehlsempfänger sind, von einem oder  mehreren Schüssen getroffen, die die sinnlose Plastikrüstung  durchschlagen, fallen sie prompt um wie Spielzeugsoldaten und sind  anscheinend mausetot. Wobei niemals auch nur ein Tropfen Kunstblut zu  sehen ist – schließlich haben wir es hier mit einem Machwerk des  Disney-Konzerns zu tun, der heute die Rechte an „Star Wars“ besitzt und  dessen Hauptgeschäftsfeld die Produktion und der Vertrieb reaktionärer  Heile-Welt-Propaganda ist. Die Leinwand muss sauber bleiben, soll  heißen: Es wird fortwährend allerlei digitaler Budenzauber und Feuerwerk  veranstaltet, Raumschiffe explodieren mit großem Tamtam, volles  Programm Computerspieloptik, doch Leid und Schmerz und Tod werden  ausgeblendet.

Unterlegt  ist das Bummbumm mit dem immer gleichen tosenden Wagnerianischen  Kitschfanfarengewummer und -gewimmer von John Williams, das jedem  Menschen mit intaktem Gehör innerhalb kurzer Zeit gewaltig auf die  Nerven geht, zumal es während 144 Minuten kaum eine Szene gibt, in der  es nicht penetrant erklingt.

Die Handlung selbst ist in weiten Teilen eine vollkommen  geistbefreite reine Nummernrevue (Helden diskutieren hektisch in ihrem  Raumschiff, weil sie von den Bösen angegriffen werden; es folgt Action  mit Knallerei; Helden schlagen überraschend zurück und versuchen eine  Gefangenenbefreiung; es folgt Action mit Feuerwerk; Großaufnahme von  jemandem, der/die weint/lacht vor lauter Rührung/Erleichterung oder von  zwei Leuten, die sich herzlich umarmen; es folgt Action mit  Lichtschwertertheater; einer der Bösen wird zum Guten bekehrt; es folgt  Action mit irgendwas (gähn); einer, den man für einen der Bösen gehalten  hat, entpuppt sich als Guter; es folgt Action mit Funkenflug; Endkampf  Gut gegen Böse („Now we take the War to them!“); es folgt Action mit  Explosionen; Großaufnahme von jemandem, der auf expressiv-feierliche  Weise stirbt oder bloß vermutlich stirbt und hinterher überraschend  wieder zum Leben erwacht usw.), und alles ist so vorhersehbar wie der  Geschmack eines Supermarktschokoriegels. Ähnlich fade der Wechsel der  landschaftlichen Szenerien: steinige Wüstengegend, steinige dunkle  Höhlengänge, steinige Felseninsel, großer Altmetalltrümmerhaufen (der  kaputte, ins Meer gefallene Todesstern).

Natürlich müssen auch die ausgemusterten Alten, Harrison Ford (Han  Solo), Mark Hamill (Luke Skywalker) und Carrie Fisher (Leia Organa),  kurze Gastauftritte haben, um das Bedürfnis der Kundschaft nach  Nostalgie zu bedienen und ihr gleichzeitig so etwas wie eine  tatsächliche Chronologie und Kontinuität der Filmhandlung vorzugaukeln.  Selbst der Umstand, dass Fisher vor drei Jahren verstorben ist, hindert  sie nicht daran, an dem Film mitzuwirken. Man hat einfach ein paar von  einem früheren Star-Wars-Dreh übrig gebliebene Filmschnipsel mit ihr  eingebaut.

Sieht man einmal davon ab, dass die Geschlechterrollen und in der  Folge insbesondere die Frauenfiguren in den letzten Jahren geringfügig  modernisiert wurden, kennt man das alles schon auswendig, aber das  scheint mir der ebenso perfide wie banale Trick der Produzenten: Weil  alle es schon zur Genüge kennen und daran gewöhnt sind, wird es immer  auf dieselbe altbekannte Weise inszeniert. So wird garantiert niemand  enttäuscht. Und am Ende zählt ja nur, dass der Prequel-, Sequel-,  Spin-Off- und Serien-Heckmeck sowie der Marketing-, Merchandise- und  Fanartikelverkaufs-Zirkus niemals zu Ende geht.

Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers
OT: Star Wars: The Rise Of Skywalker
USA 2019

R: J.J. Abrams – B: J.J. Abrams, Chris Terrio – P: J.J. Abrams, Kathleen  Kennedy, Michelle Rejwan – K: Dan Mindel – Sch: Maryann Brandon, Stefan  Grube – M: John Williams – V: Walt Disney – L: 142 Min – FSK: 12 – D:  Carrie Fisher, Mark Hamill, Daisy Ridley, Adam Driver, John Boyega,  Oscar Isaac, Anthony Daniels, Naomi Ackie, Domhnall Gleeson, Richard E.  Grant, Lupita Nyong’o, Keri Russell, Joonas Suotamo, Kelly Marie Tran,  Billy Dee Williams, Billie Lourd – Filmstart in Deutschland: 18.12.2019

Dieser Text erschien zuerst am 19.12.2019 in: Neues Deutschland und Comic.de >

Thomas Blum, Jahrgang 1968, arbeitet seit 1999 als freier Autor für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (u. a. Konkret, Berliner Zeitung, Stadtrevue Köln). Von 1999 bis 2011 war er in der Redaktion der linken Wochenzeitung Jungle World tätig. Seit 2013 ist er Redakteur im Feuilleton der Tageszeitung Neues Deutschland.
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